09.11.2011 / LESERFORUM: nicht zwingend gegen eine Schulreform, sondern nur gegen diese Art der Reform
Die Mehrheit möchte vor allem, dass das Schulsystem frei bleibt
Ich bin ein ehemaliger Schüler, welcher auch am vergangen Donnerstag, u.a. wegen seines 17jährigen Schul-Martyriums in 3 Ländern, bei der Demonstration von rund 250 Schülern, Ausbildungsplatz-Suchenden, Lehrern, Eltern, etc. dabei war. Ich möchte einige ungenau in den Medien berichtete Punkte klarstellen, da die meisten Journalisten doch etwas frühzeitig die Veranstaltung verlassen haben und ich u.a. auch durch persönliche Gespräche einen anderen Eindruck von der prekären Situation bekommen habe.
Die meisten Schüler, die am vergangen Donnerstag in Luxemburg bei der Protestkundgebung dabei waren, so meine Wahrnehmung, sind nicht zwingend gegen eine Reform, sondern nur gegen diese Art der Reform. Mag sein, dass die Demonstranten nicht ausreichend, wenn nicht sogar schlecht, über die geplante Reform informiert waren oder wurden, so habe diese doch im Groben eine klare, gemeinsame Line und der wollten ja auch etliche Gehör verschaffen. Die Mehrheit möchte vor allem, dass das Schulsystem frei bleibt, bzw. dass die Schüler noch mehr und nicht weniger Auswahl haben und auch in den höheren Klassen unliebe Fächer weiterhin abwählen können; ähnlich wie dies in den erfolgreichen Schulsystemen im Ausland der Fall ist. Des weiteren stört viele, dass das wahre Problem unseres Schulsystems nicht wahrgenommen wird und fremdsprachenunbegabte Schüler nach wie vor massiv durch das vorhandene Sprachenchaos benachteiligt werden und es nicht sein kann, dass die luxemburgisch-deutsche Diglossie (die Fächer Luxemburgisch und Deutsch) viel zu kurz kommt und in einem mangelhaftem Niveau unterrichtet wird.
Dies bestätigt sich auch darin, dass sich vor allem einheimische Schüler bei der Demonstration beteiligt haben, welche sich die 2. Hauptsprache wegwünschen und eine Aufwertung des Englischen und eine Abwertung des Französischen als Fremdsprache fordern. In ihren Augen kann es nicht sein, dass der Pisa-Test und zahlreiche Fächer (wie z.B. Mathematik) in einer Fremdsprache stattfinden und man dadurch die zahlreichen fremdsprachenunbegabten Schüler diskriminiert. So sollen ja, laut Ministerin Mady Delvaux-Stehres, solche "schwachen" Schüler die 5. Klasse in zwei Schuljahren machen, anstatt diese zu wiederholen; eine tolle Logik, die wohl nur dazu da ist, um die Statistik schön zu schreiben. Auch die Tatsache, dass die Fächer ausländische Namen tragen, kommt bei vielen nicht besonders gut an und kann eine gelingende Integration kaum fördern. Einige Anwesende forderten direkt, dass zwei Schultypen eingerichtet werden: Den einen für die germanophonen Schüler auf Luxemburgisch mit deutschsprachigen Büchern, in dem die Fächer Luxemburgisch und Heimatkunde, ein Fach in dem lokalen Persönlichkeiten und die nationale Kultur durchgenommen wird, unterrichtet würden. Hier könnte dann auch das Deutsch-Niveau endlich an das Ausland angeglichen werden und die Schüler könnten zwischen einem leichteren Französisch und der Weltsprache Englisch als 1. Fremdsprache wählen.
Der andere Schultyp wäre dann für die Schüler mit einem franco-/romanophonen Hintergrund, welche dann in der Sprache Französisch unterrichtet würden und welche man dann behutsam an die luxemburgische Sprache und Kultur heranführen könnte. Diese hätten dann z.B. die luxemburgisch-deutsche Diglossie als 1. Fremdsprachen-Kombination und könnten später dann noch Englisch oder Portugiesisch als 2. dazuwählen. Zu diesem Vorschlag meinte die Bildungsministerin, dass so etwas schon öfters in der Diskussion war, aber zahlreiche francophile Politiker und akademische Lehrkräfte da prinzipiell immer dagegen wären und so wundert es auch niemanden, dass besonders die Vereinigung der Luxemburger Französisch-Lehrer gegen jegliche Form der Veränderung ist.
Wenn die Ministerin zudem möchte, dass die Mehrheit der Schüler die "Première", also Abitur, machen, dann sollte sie auch den Rahmen dafür schaffen, dass nicht gleich jeder dieser Absolventen studieren muss, sondern daraufhin ebenso direkt und leicht eine Berufsausbildung anfangen oder eine weiterführende Fachhochschule besuchen kann; so wie dies ebenfalls im erfolgreichen Ausland der Fall ist. Die steigenden Arbeitslosen-Zahlen bei Jugendlichen hierzulande, welche einen Ausbildungsplatz suchen, beunruhigen zusätzlich die angespannte Situation und verheißen nichts Gutes. Wenn es wieder nur ein Gedoktore, wie in den letzten Jahren, anstatt eine grundlegende Reform, geben wird, können die Verantwortlichen sicher sein, dass die Schüler da nicht mehr mitziehen werden. Wie ein Schüler es treffend am Donnerstag zur Ministerin sagte: "Wir wollen keine Reformen mehr, wir wollen eine Revolution!"
Weitere Eindrücke kann man zudem von der neutralen Facebook-Gruppe (http://www.facebook.com/groups/269721426398147 ) und der offiziellen Facebook-Seite dazu ( http://www.facebook.com/pages/Sch%C3%BCler-Proffe-an-Eltere-GEINT-dSchoulreform/291569617531216GEINT-dSchoulreform/291569617531216 ) entnehmen. Zusätzlich, gibt es jetzt auch eine Petitions-Aktion ( http://www.ipetitions.com/petition/schoulreform ) und eine kleine Internet-Seite ( http://www.Schoulreform.de.tl ).
Timon Müllenheim


