29.12.2011 / LESERFORUM/ Ein scheinheiliges Plädoyer für die Nächstenliebe im „Wort“
Fehlgeschlagene Botschaft der Kirche
„Einmal muss es ja sein“, bedauerte der luxemburgische Künstler Nik Brücher (1874-1957), als er kurz vor seinem Tode einen Schlussstrich unter sein bewegtes, an Enttäuschungen so ungemein reiches Leben zog und sein Archiv ein letztes Mal durchforstete wobei er – leider – so manche wichtige Dokumente zerstörte. Bei der Durchsicht seiner eigenen Dokumentensammlung wird wohl jeder Mitbürger Berichte entdecken, die er einst als wichtig erachtet hatte, die aber im Laufe der Jahre ihre Bedeutung verloren haben. Allerdings kann man auch Notizen wiederfinden, die selbst nach Jahren nichts von ihrem ehemaligen Aktualitätswert eingebüßt haben. Ein solcher Bericht, der am Mittwoch, 04. November 2009 in der Bistumszeitung „Für Wahrheit und Recht“ („Luxemburger Wort“) veröffentlicht wurde, fiel mir rein zufällig in die Hände und löste – heute wir damals – die Angst vor einer Gallenkolik aus. Mit dem Zitat „Füreinander da sein“ plädierte Dompropst André Heiderscheid, umgeben von den wichtigsten Persönlichleiten des luxemburgischen Klerus, in seiner Moralpredigt zu Ehren der verstorbenen Bischöfe, Domkapitulare und Priester der Erzdiözese, für mehr Nächstenliebe. Er hob die Verantwortung eines jeden (sic) Christen in der Gesellschaft hervor, vom Laien bis zum höchsten Amt im Klerus – man lese und staune – so zu leben, damit es keinen Widerspruch zwischen dem gibt, was wir sagen, und dem, was mir tun. Getreu dem Auftrag Jesu „Liebet einander!“ sollten die Christen den Weg der Nächstenliebe einschlagen und die Menschen von heute mit der Wahrheit des Christentums beschenken.
Diese Botschaft hörte ich wohl, aber auf Grund meiner persönlichen Erfahrungen fehlte mir dazu der allergeringste Glaube. Beim Anhören dieser Worte wird es so manchem Anwesenden recht mulmig in der Magengegend geworden sein. Ganz sicher hatte der eine oder andere auch einmal vergebens auf einen Akt der barmherziger Nächstenliebe gewartet, denn sogar im Klerus selbst wird die Nächstenliebe gelegentlich – oder oft – durch Intrigen, Missgunst und sogar durch bis zum Hass gesteigerten Neid ersetzt. Ich denke da zum Beispiel an den Pfarrer Joseph Biwer (1895-1952), Komponist unseres schönsten Marienliedes „Léif Mamm ech wees et net ze son“, das um ein Haar auf Betreiben seines geistlichen Mitbruders mit dem Interdikt belegt worden wäre und der voller Enttäuschung im Alter von erst 58 Jahren starb. Ich denke an den Geistlichen, der von der Kirche und vom Bistum im Stich gelassen wurde und den Freitod durch Ertrinken wählte. Ich denke an verschiedene Geistliche, die trotz bester Gesundheit den frühst möglichen Eintritt in den Ruhestand beantragten, weil sie sich vom Bistum verraten gefühlt haben. Ich denke an den früheren Domorganisten Maître Albert Leblanc, der von Marcel Dupré zu den bedeutendsten Organisten des Jahrhunderts gezählt wurde. Der durch die vom „Luxemburger Wort“ systematisch gesteuerte und von Direktor Abbé Dr. Jean Bernard unterstützte Hetzjagd den Freitod in Erwägung zog und als Drogensüchtig und Alkoholiker einen erbärmlichen Tod starb. Ich denke an zwei Miterbeiter der Sankt-Paulus-Druckerei, die durch die infamen Bespitzelungen derart gedemütigt, psychologisch behandelt werden mussten. Wobei sogar einer in einem Zimmer mit vergitterten Fenstern eingeschlossen wurde. Ich denke an den Journalisten Michel Rasquin, der jahrelang alltäglich von Pierre Gregoire in seinen „mélodies grégoriennes“ als „Monsieur Rot macht Radau“ verhöhnt wurde. Ich denke an den Minister Robert Krieps, der als einziger valabler Kulturminister alltäglich im Bistumsblatt aufs infamste verspottet wurde, wobei ein gewisser Norbert Weber Schützenhilfe leistete. Ich denke an Gaston Thorn, unsern fähigsten Staatsminister, der die täglichen Spottrubriken der Bistumszeitung füllte. Ich denke an dessen Gemahlin, die national und international anerkannte Journalistin, Kunstkritikerin und Buchautorin Madame Liliane Thorn-Petit, die in der Abtreibungsfrage eine antiklerikale Meinung äußerte und deshalb vom Chefredakteur Leon Zeches mit einem Schwein verglichen wurde: „Frau Thorn planscht in der Logik, wie die Schweine im Trog!“ Ich denke dann auch an meine eigenen Erfahrungen. Weil mein Vater Mitglied des Landesverbandes der luxemburgischen Eisenbahner war, wurde ich im Kindergarten von der Schulschwester derart am linken Ohr gezogen, dass das Ohrläppchen losgerissen wurde. Und weil mein Vater bei seinem eventuellen Begräbnis eher auf die Präsenz eines Geistlichen als auf die rote Fahne seiner Gewerkschaft verzichtet hätte, hatte mir Pfarrer Jean Hoffman im dritten Trimester des siebten Schuljahres 20 Punkte abgezogen, so dass ich während meiner Volksschulzeit nun zum ersten mal in sieben Jahren den dritten Platz einnehmen musste, während ich sonst meist den ersten und manchmal den zweiten Platz belegte. Während meiner Konviktsjahre (1936-1940) wurde ich von der Obrigkeit Dr. Joseph Reckinger derart gedemütigt, dass ich als Quintaner meinem Leben ein Ende setzen wollte. Ich bin nicht von ungefähr rein zufällig Mitglied der Vereinigung für aktive Sterbehilfe!
Norbert Thill
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