10.02.2012 / EXKLUSIV/ In einer Nacht soviel verdient wie in zwei Monaten im Dreck und Schmutz des Stahlwerkes.
Jos Hoffmanns legendäres "Zum Schweigen verdammt" (III)
Mein sonderbarer Kunde verließ das Lokal eine Stunde später durch die Hintertür und ließ mich allein mit drei Kunden an der Bar und den drei Mädchen. Da der Abend allem Anschein nach noch bis 1 Uhr früh dauern würde, ohne dass etwas Wesentliches passieren würde, bat ich eines der Mädchen mich für einen Augenblick zu ersetzen und machte mich über meine Brotzeit her, die mir meine Frau zubereitet hatte. Ein Unternehmen, bei dem mir die Mädchen mit gesundem Appetit behilflich waren.
Es gefiel mir immer besser in dieser Bar, von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute fühlte ich mich wohler, liebenswürdig aufgenommen vom Personal und glücklich über das Vertrauen, das mir die Mädchen von Anfang an entgegenbrachten. Ich fing an, ein gewisses Verständnis für dieses Milieu und seine Probleme und Eigenschaften zu entwickeln.
- Weißt du, sagte das älteste Mädchen, wenn dein Mann abhaut und dich mit zwei Kindern und ohne Ausbildung sitzen lässt, dann ist es nicht das Gehalt einer Putzfrau, das dir über die Runden hilft.
- Und ich, ergriff das zweite Mädchen das Wort, ich schufte mich in diesem verdammten Job ab, damit eine ganze Familie angenehm leben kann. Ich habe zwei kleine Brüder, eine gelähmte Mutter und einen schwindsüchtigen Vater. Du kannst dir ja vorstellen, welche Probleme da auf einen zukommen.
So neigte sich mein erster Arbeitstag in meinem neuen Job seinem Ende zu. Die Zeit war so schnell vergangen, dass ich mit etwas Bedauern die Dame ankommen sah, die mich vorhin empfangen hatte.
- Ah, es war ein ruhiger Tag heute, stellte sie fest, als sie den Kassenschrank öffnete, 16.000, das ist nicht sehr viel.
Ich zählte das Geld in der Kasse. Es waren genau 18.500 Franken.
- Was zuviel ist, ist für dich, erklärte mir die Frau. Das ist dein Gehalt und dein Trinkgeld.
Ein ruhiger Tag?! Und so viel Geld in der Kasse. Und für mich...Ich konnte es nicht fassen.
- Kommst du mit uns, fragten mich die Mädchen.
Ich nahm ihre Einladung gerne an.
- Aber vergessen Sie nicht, nächste Woche wiederzukommen, sagte mir die Dame an der Kasse und gab mir zu verstehen, dass sie sehr mit mir und meiner Arbeit zufrieden war.
Eines der Mädchen schlug vor in das „Splendid“ zu gehen, dort beginne in wenigen Augenblicken eine tolle Show.
- Komm, wir laden dich ein.
- Es tut mir leid, erwiderte ich, aber ich muss früh’ raus, um fünf Uhr, zur Arbeit, versteht ihr?
* * *
So ging ich also nach Hause, wo ich meine Frau vorfand, deren Gesichtsausdruck meine gute Laune und die Freude über das verdiente Geld sofort verdarb.
- Wie ich dich kenne, sagte sie, ziehst du es vor in der Stadt zu arbeiten, als mit deinem Schwiegervater im Stahlwerk...
Ich kniff die Lippen zusammen um nicht antworten zu müssen, denn ich hatte jetzt einfach keine Lust mehr, ihr all das zu erzählen, was ich in dieser Nacht erlebt hatte.
Als ich an meinem Arbeitsplatz im Stahlwerk eintraf und dort meine Kumpels wiedersah, konnte ich nicht umhin ihnen zu erzählen, dass ich in der Nacht viel Geld verdient hatte, und dass ich ab jetzt jede Woche hingehen würde.
Und erneut gelang es mir nicht, die Geschichte von dem lasterhaften Priester zu erzählen.
Am Nachmittag des gleichen Tages, als ich von der Arbeit kam, nutzte ich die Gelegenheit, dass schulfrei war, um mit meinen beiden Kindern und ihren Freunden in den Wald zu gehen. Wir kamen sehr oft in diesen Wald, in dessen Mitte sich eine kleine Straße befand, die wegen ihrer Baufälligkeit für den Verkehr gesperrt war. Die Jungs amüsierten sich köstlich mit einem alten Karren, den ich ihnen gebastelt hatte.
Es sind unvergessliche Nachmittage geblieben, mit den Schreien der spielenden Kinder, der Freude auf ihren Gesichtern, die frische, saubere Luft, die mir in manchen Augenblicken fast den Atem verschlug.
Eine Woche verging, in der ich wie gewohnt immer hin und her pendelte zwischen Stahlwerk und Familie. Endlich war der Tag gekommen, an dem ich wieder in der „Eve Bar“ aushelfen durfte. Ich gebe zu, ich konnte diesen Tag nicht erwarten.
Als ich in der „Eve Bar“ eintraf, war die Kassiererin bereits da.
- Hören Sie zu, Herr Hoffmann, kam sie auf mich zu, ich habe da ein kleines Problem. Der Kellner, der diese Arbeit täglich macht, trinkt zuviel und auch mit der Pünktlichkeit nimmt er’s nie so genau. Sie dagegen machen einen guten Eindruck, sowohl bei den Kunden, als auch bei den Mädchen. Würde es Sie interessieren, den Job zu übernehmen?
Dieses Angebot hatte auf mich die gleiche Wirkung wie ein Schlag mitten ins Gesicht. Ich war wie betäubt und bat um etwas Bedenkzeit, die mir die Dame auch zugestand.
Um 15 Uhr war die Mannschaft vollständig. Um 16 Uhr spendierte ein großzügiger Kunde eine Runde Champagner nach der anderen. Um 17 Uhr hatte er plötzlich Lust auf Kaffee und jedesmal, wenn ich ihm eine Tasse aus dem Lokal gegenüber brachte, gab er mir 500 Franken Trinkgeld. Anders ausgedrückt, es war ein stinknormaler Tag, an dem nichts Wesentliches passierte, und als ich am frühen Morgen des darauffolgenden Tages das Geld in der Kasse zählte, hatte ich nicht weniger als 17.000 Franken für mich verdient. Fast so viel wie in zwei Monaten im Dreck und Schmutz des Stahlwerkes.
Im Leben eines jeden Menschen gibt es immer wieder Augenblicke, in denen er einsam und verlassen an einer Kreuzung steht, von der aus Wege in alle Richtungen führen, und wo er sich entscheiden muss, welchen Weg er einschlagen soll. Ich bin nicht abergläubisch, aber ich bin auch nicht schicksalsergeben. Ich bin fest davon überzeugt, dass es im Leben Momente gibt, in denen der Mensch sein Schicksal mit seinen eigenen Mitteln selbst bestimmen, ja sogar ändern kann. Die meisten Menschen sind sich dieser Tatsache vielleicht nicht so ganz bewusst und verpassen deshalb ihre Chance...
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