08.02.2012 / EXKLUSIV/ Die Memoiren des "Königs der Nacht" - Auf dem Weg ganz nach oben: Aller Anfang ist schwer

Jos Hoffmanns legendäres "Zum Schweigen verdammt" (I)

I. Kapitel

Ein typisch luxemburgisches Sprichwort fließt über meine Lippen. Es hat eine ungemein erleichternde Wirkung. Zwar nur für wenige Augenblicke, aber immerhin. Der Vollmond über Luxemburg in dieser Nacht trägt keineswegs dazu bei, die Lage auch nur irgendwie angenehmer zu gestalten. Und es ist immer in Augenblicken wie diesen, wo einem, gerade auf der Nachtschicht, der ganze Schmutz, der Dreck und der Staub aus den Silos und Hochöfen des Hüttenwerkes bewusst werden.

Und dann ist da immer wieder diese unendlich lange Zeit, die mich das düstere Schauspiel der Schmelz betrachten lässt. Ich warte, bis der Gussabstich aus dem Hochofen Nummer vier fertig ist, um dann die Pfannen unter die Rollbrücke des Stahlwerkes zu führen. Warten in dieser ungesunden Umgebung, und dabei weiß ich ganz genau, dass die gesamte Mannschaft eine halbe Stunde Verspätung hat mit dem Gussabstich des Hochofens Nummer zwei, und dass erst dann Pause sein wird, wenn die restlichen fünf Pfannen abgefertigt sind.

Diese endlos lange Zeit, die dann wiederum in so manchen Augenblicken wie im Flug an mir vorüberzieht, und dann diese Umgebung, die glatt einem der besten Romane eines Emile Zola oder Charles Dickens entstammen könnte... Ich könnte wohl problemlos auch die Rolle einer dieser schäbigen Figuren vorgenannter Romane übernehmen. Staubgeschwärzt fühle ich ein Brennen an meinen Füßen. Flüssiger Guss hat sich an meinen Schuhen festgesetzt.

Es gibt Augenblicke, in denen ich wirklich keine Lust mehr habe, in denen ich alles aufgeben möchte, alles ganz einfach hinschmeissen will. Dann möchte ich am liebsten den Hochofen anbrüllen: „ Verdammt, ich hab’s satt“. Aber ich sage nichts, schweige und lebe weiterhin mein Leben wie bisher, wie an jedem Tag trinke ich meinen Kaffee, mit meinen beiden Kumpels César und Emile.

Während wir so da sitzen, in dem kleinen Aufenthaltsraum, öffnet plötzlich jemand die Tür und in den nur spärlich beleucheten Raum tritt ein Mann, den wir alle sehr gut kennen. Er setzt sich zu uns und fragt mich ohne viel Umstände zu machen, ob ich Lust hätte ihm beim Servieren auszuhelfen, er verdiene gutes Geld auf Hochzeiten, Festessen und so weiter.

Mir scheint es, als würde ich eben mit einem Fuss eine andere Welt betreten, eine Welt, die rein gar nichts mehr gemeinsam hat mit der Welt im Stahlwerk. Es wäre mir niemals in den Sinn gekommen, auch nur einen Augenblick lang daran zu glauben, jemand würde auf die Idee kommen, mir ein solches Angebot zu machen.

Nun steht man also da und denkt an die acht-bis zehntausend Franken, die man – als Vater von zwei Kindern – im Monat verdient, während auf der anderen Seite ein Freund einen Job vorschlägt, der in wenigen Stunden tausend Franken einbringt, und zudem auch noch ohne sich dabei schmutzig zu machen.

Tags darauf stand ich sehr früh am Nachmittag auf und machte mich sogleich auf die Suche nach einem weißen Nylonhemd und einer schwarzen Jacke, wie sie Kellner in den Cafés tragen. Hätte ich an diesem Tag geahnt, dass diese einfache Geste mein ganzes Leben verändern würde...

Einige Tage später half ich also auf einem Festessen aus, das von der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl in der Stadt veranstaltet war. Ich muss zugeben, ich hatte damals keine große Ahnung und das Lampenfieber lähmte mich derart, dass ich nicht einmal zu fragen wagte, wie man’s eigentlich richtig macht. Meine erste Arbeit galt der Bar und ich bedauere all diejenigen, die das Zeug trinken mussten, das ich dort zubereitete: Cognac mit Eis, Scotch ohne Eis und so weiter, bis ich dann mit der gesamten Mannschaft in den Saal gerufen wurde um das Menü zu servieren.

Niemand kann sich das in einem Restaurant eigentlich so genau vorstellen, aber ein Kellner muss zunächst lernen, das Tablett mit der linken Hand zu halten und in der rechten Löffel und Gabel zum Bedienen. Wenn ich meinen Freund so bei der Arbeit betrachtete, so kam mir das alles sehr leicht vor, aber es gelang mir dennoch nicht, den „Poulet Grand-Mère“ den Regeln der Kunst entsprechend zu behandeln. Also nahm ich kurzerhand meine Gabel, die ich in meiner Rechten hielt, und stach sie in das saftige Stück Fleisch auf dem Tablett in meiner Linken. So ließ sich auch das widerspenstige Stück „Poulet“ sehr leicht servieren...

Vom technischen Standpunkt her betrachtet verlief der Nachmittag, zumindest was meine Person betrifft, also eher schlecht, ohne dass es den Leuten am Tisch jedoch zu sehr aufgefallen wäre.

Mit meinen tausend Franken in der Tasche lud ich meinen Freund zu einem letzten Glas ein, gewissermaßen um mich bei ihm zu bedanken. Und hier war es dann, in der „Cloche d’Or“ bei „Menni“, wo er mir den Vorschlag machte, der alles verändern würde.

- Du Jos, wenn dir das gefällt, könntest du mich einmal in der Woche nachts in einer Bar ersetzten in der ich arbeite.

* * *

Ich erfüllte alle Voraussetzungen, die der Chef dieser Bar von mir verlangte. Er erklärte mir in wenigen Worten, worin meine Arbeit in seinem Etablissement bestand und sagte mir an welchem Tag in der Woche ich anzutreten hatte.

Knapp eine Woche später, so gegen 14 Uhr, stand ich vor der „Eve Bar“ in der Hauptstadt. Eine Frau öffnete mir die Tür.

-Sind Sie der Neue?

-Ja, Madame !

-Nun gut, Sie werden genug Arbeit hier haben, mein Junge, sagte die Dame. Ah, Sie wissen’s wohl noch nicht, aber sie sitzen alle im Knast. Die drei Animiermädchen kommen erst in einer halben Stunde. Kommen Sie herein.

Wie vom Schlag gerührt folgte ich ihr. Sie erklärte mir die Preisliste, zeigte mir die Séparés und gab mir die Schlüssel zur Bar.

-Und vergessen Sie nicht: in den Séparés wird nur Champagner serviert! Ich werde nachher vorbeikommen und die Abrechnng machen. Sollte es in der Zwischenzeit irgendwelche Probleme geben, rufen Sie mich ruhig an.

Und nach diesen Worten verabschiedete sie sich und verliess die Bar.

In der Woche bevor ich anfing, in der Bar zu arbeiten, hatte sich in der Tat vieles ereignet. Die Tablini, die mehrere Bars besaßen, waren ins Ausland geflüchtet, während ihre Geschäftsführer festgenommen wurden und alle im Gefängnis saßen. Aber die Geschäfte liefen weiter, die Bars wurden nicht geschlossen.

Mit großer Vorsicht streifte ich meinen Smoking über. Kurze Zeit später erschienen die drei Animiermädchen, zwei 20jährige und eine etwas ältere Frau. Wir stellten uns einander kurz vor und verstanden uns auf Anhieb.

Wir versuchten die Zeit totzuschlagen...Ich muss zugeben, dass ich damals nicht viel Ahnung hatte vom Leben, und das trotz meiner immerhin schon 35 Jahre. Bis zu diesem Tag, ja sogar noch in diesem Augenblick, galt für mich immer nur der Grundsatz: Beruf und Familie, das ist alles, was der Mensch auf der Welt braucht um glücklich zu sein. Knappe zehn Minuten später ahnte ich jedoch bereits, dass das Leben viel mehr verbirgt.

FORTSETZUNG MORGEN: Ein Pfarrer im Puff

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