29.01.2012 / Amok, Selbstmord und Burn-Out
Der Sonntagskommentar aus unserer Redaktion
Dass diese Gesellschaft kaputt ist, ist wohlbekannt. Dass diese Gesellschaft, jene des 21. Jahrhunderts, trotz aller sozialer Auffangmodelle, trotz aller Einrichtungen, die uns bald helfen werden überhaupt die richtige Hilfe in Anspruch zu nehmen, die aber auch durch politischen und sozialen Wahn aus jedem Bürger einen potentiellen Hilfeempfänger gemacht hat und eigentlich niemanden mehr so recht auf Widerstand gegenüber den rauen Sitten „da draußen“ trimmt, immer weniger resistente Bürger hervorbringt, ist noch nicht in jeden Kopf vorgedrungen. Und doch beweisen die immer noch steigenden Zahlen von Alkoholikern, von Drogen- und Pillenabhängigen oder von Selbstmördern in Luxemburg, wie schlecht es eigentlich immer mehr Menschen innerhalb dieser modernen Gesellschaft geht.
Da ist weder für Jugendliche noch Erwachsene die alte Familienstruktur als Auffangbecken da, hat die Kameradschaft um ein Glas Bier zur virtuellen Freundschaft im World Wide Web mutiert. Da ersetzt heute Facebook den guten alten Stammtisch, der Arbeitslosenfond und der RMG die Lust nach Arbeit und die Herausforderung an den Menschen, sein Leben eigenhändig in die Hand zu nehmen. Da nehmen die Highscores von Playstation den Platz ein, den früher Bücher, Wissen und Weiterbildung im Gehirn innehatten und da konkurriert der Chatroom mit dem guten alten Verein und seinem intensiven und sozialen Leben.
Und nun sitzen wir da, allein mit unseren Problemen. Und dann passiert das, was passieren muss: Menschen, die mit ihrer Isolierung nicht mehr fertig werden drehen durch, Menschen, die ganz einfach nicht mehr genügend andere Menschen um sich haben, um sich ihnen anzuvertrauen und moralisch wieder Hilfe zu bekommen, machen mit dem Leben Schluss, Menschen, die in ihren Beziehungen zu Mitmenschen, ob privat oder beruflich, nicht mehr weiter kommen oder können, erliegen dem, was man heute so geschwollen Burn-Out nennt.
Wohl dem, der noch Familie, der noch Freunde und der ganz einfach noch soziale Kontakte hat. Das alles ist heute nicht mehr zu bezahlen durch Hellef doheem, Zivildienstleistende, Gouvernanten, Kinderhorte oder Altersheime. Das alles ist das Tribut, das wir an Mondialisierung, Egoismus, Sozialstaat und ausgeflippte Politik zahlen. Schuld daran sind wir selbst, als Gesellschaft. Der dem es noch gut geht gerade so viel wie der, dem es bereits schlecht geht. Und deren werden es immer mehr. Kaputte Gesellschaft…
Jean Nicolas


